Das «House of AI»: Das Fundament

Eine der teuersten Fragen, die in Führungsetagen gestellt wird, lautet:

«Was können wir mit KI machen?»

Diese Frage, obwohl gut gemeint, ist der Ausgangspunkt für die meisten kostspieligen Fehlschläge. Sie positioniert die Technologie als einen Hammer, der verzweifelt nach einem Nagel sucht, und führt zu einer Flut von Pilotprojekten, die zwar technisch interessant sein mögen, aber betriebswirtschaftlich im Nichts enden. Ein Jahr und ein aufgebrauchtes Budget später ist die Frustration gross und die Organisation gegenüber dem Thema KI nachhaltig desillusioniert.

Der strategisch richtige Ansatz kehrt diese Frage um. Er beginnt nicht bei der Lösung, sondern beim Problem. Er fragt nicht: «Was kann KI?», sondern:

«Wo genau verlieren wir Geld, Zeit oder das Vertrauen unserer Kunden und wie kann Technologie diesen spezifischen Schmerz lindern?»

Willkommen zum zweiten Artikel unserer Serie zum «House of AI». Wir legen heute das Fundament, auf dem jede erfolgreiche KI-Initiative ruhen muss: Layer 1, die systematische Identifikation und Priorisierung von Anwendungsfällen mit echtem Business Value. Dieser Artikel liefert Ihnen keine Buzzwords, sondern eine praxisorientierte Methode, um aus dem Nebel der technologischen Möglichkeiten die 2-3 «Gold-Nuggets» zu destillieren, die den grössten und schnellsten Wert für Ihr Unternehmen versprechen.

Warum der «Technologie-zuerst»-Ansatz scheitert

Ein technologiegetriebener Ansatz ist verführerisch. Er verspricht schnelle, sichtbare Aktivität und signalisiert Innovationsbereitschaft. Doch er scheitert systematisch an drei fundamentalen Hürden, die jede Führungskraft verstehen muss.

  1. Er schafft eine Lösung für ein Nicht-Problem. Wenn die Technologie der Ausgangspunkt ist, werden Ressourcen darauf verwendet, Probleme zu lösen, die in der Prioritätenliste des Unternehmens weit unten stehen oder gar nicht existieren. Das Ergebnis ist oft eine technisch beeindruckende Anwendung, die jedoch keinen messbaren Beitrag zur Gewinn- und Verlustrechnung oder zur strategischen Positionierung leistet. Sie ist eine Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat.

  2. Er untergräbt die Akzeptanz der Mitarbeiter. Ein Anwendungsfall, der keinen echten Schmerzpunkt im Arbeitsalltag der Mitarbeiter adressiert, wird unweigerlich als «Spielerei von oben» oder, schlimmer noch, als zusätzliche, sinnlose Belastung wahrgenommen. Die menschliche Natur ist ökonomisch: Warum sollte ein Mitarbeiter Energie in die Erlernung eines neuen Tools investieren, wenn es ihm keine spürbare Erleichterung verschafft? Die Akzeptanz erodiert, bevor das Projekt überhaupt richtig begonnen hat.

  3. Er verhindert eine sinnvolle Erfolgsmessung. Ohne ein klar definiertes und quantifiziertes Ausgangsproblem gibt es keine Baseline. Der Return on Investment (ROI) wird zu einer vagen Behauptung, die keiner kritischen Prüfung standhält. Dies macht es unmöglich, den Erfolg des Projekts intern zu verkaufen und Folge-Investitionen zu rechtfertigen. Das Projekt verliert an Momentum und versandet.

Um diese Fehler zu vermeiden, müssen wir den Prozess umkehren. Wir müssen das Prinzip des «Problem-Solution Fit», das aus der Lean-Startup-Methodik bekannt ist, auf die KI-Transformation anwenden. Bevor wir eine einzige Zeile Code schreiben oder eine Lizenz kaufen, müssen wir rigoros sicherstellen, dass das Problem, das wir zu lösen versuchen, real, relevant und wertvoll ist.

In 3-Schritten zur Gold-Nugget-Suche

Wie finden Sie nun die Anwendungsfälle mit dem grössten Potenzial? Nicht durch zielloses Brainstorming, sondern durch eine systematische Suche. Die «3-F-Analyse zur systematischen Identifikation von Wertpotenzialen»:

  • Follow the Frustration

  • Follow the Flow

  • Follow the Finances

Die Suche nach den richtigen Anwendungsfällen ist kein kreatives Brainstorming, sondern eine disziplinierte, fast forensische Untersuchung Ihres Unternehmens. Die 3-F-Analyse bietet hierfür einen strukturierten Rahmen. Sie zwingt Sie, Ihr Unternehmen durch drei verschiedene Linsen zu betrachten, um die verborgenen Wertpotenziale aufzudecken.

Schritt 1 | Wo tut es weh?

Frustration ist der zuverlässigste Indikator für Reibungsverluste, Ineffizienz und verschwendetes menschliches Potenzial. Wo immer in Ihrer Organisation ein Stöhnen zu hören ist, sei es von Mitarbeitern oder Kunden, verbirgt sich eine Chance.

Nehmen Sie sich einen halben Tag Zeit für einen Workshop mit Führungskräften aus verschiedenen Abteilungen (Vertrieb, Marketing, Produktion, HR, Finanzen). Die Aufgabe ist nicht, über KI zu sprechen, sondern die grössten Probleme zu sammeln. Nutzen Sie die folgenden drei Linsen:

Folgen Sie dem Ärger

Mitarbeiter-Frust:

  • Welche Aufgaben sind extrem repetitiv, manuell und fehleranfällig?

  • Wo stöhnen Ihre Mitarbeiter am lautesten? (z.B. manuelle Datenübertragung zwischen Systemen, Erstellung wöchentlicher Reports, Beantwortung immer gleicher Kundenanfragen).

Kunden-Frust:

  • Wo verlieren Sie Kunden?

  • Was sind die häufigsten Beschwerdegründe? (z.B. lange Wartezeiten beim Kundenservice, unpersönliche Angebote, komplizierte Bestellprozesse).

Folgen Sie dem Fluss:

Ineffiziente Prozesse:

  • Wo gibt es Medienbrüche (z.B. Ausdrucken von E-Mails, um Daten abzutippen)? Wo liegen Informationen lange unbearbeitet herum?

  • Wo gibt es lange Freigabeschleifen?

Informations-Silos:

  • Wo müssen Mitarbeiter in drei verschiedenen Systemen nach Informationen suchen, um eine einfache Frage zu beantworten?

  • Wo fehlt der 360-Grad-Blick auf den Kunden?

Folgen Sie dem Geld:

Kostenfresser: Was sind die grössten Kostentreiber in Ihrer GuV?

  • Hohe Materialkosten durch Ausschuss?

  • Hohe Personalkosten durch manuelle Prozesse?

  • Hohe Marketing-Ausgaben bei geringer Konversionsrate?

Umsatz-Lücken: Wo lassen Sie nachweislich Umsatz liegen?

  • Bei der Qualifizierung von Leads?

  • Beim Cross-Selling an Bestandskunden?

  • Bei der Preisgestaltung?

Am Ende dieses Analyseprozesses, der idealerweise in einem interdisziplinären Workshop stattfindet, haben Sie eine lange Liste von 15-20 konkreten, schmerzhaften und relevanten Geschäftsproblemen. Sie haben eine solide Basis für den nächsten Schritt geschaffen.

Schritt 2 | Wie könnte Technologie helfen?

Use Cases Template

Zum Leitfaden: https://www.ki-ms.com/knowledge-hub/use-cases

Erst jetzt kommt die Technologie ins Spiel. Gehen Sie jedes einzelne Problem auf Ihrer Liste durch und stellen Sie eine einzige Frage:

«Angenommen, die Technologie wäre kein Hindernis, wie könnte eine intelligente Automatisierung oder eine datengestützte Vorhersage dieses spezifische Problem lindern oder lösen?»

Ihr operatives Ergebnis: Eine Liste von potenziellen KI-Lösungsideen, die direkt mit einem realen Geschäftsproblem verknüpft sind.

Schritt 3 | Was hat den grössten Hebel?

Ein häufiger Fehler nach der Identifikation von Potenzialen ist es, zu viele Initiativen gleichzeitig zu starten. Der Schlüssel zum Erfolg, insbesondere bei der ersten KI-Initiative, liegt im Fokus. Sie benötigen eine Methode, um aus der langen Liste die 2-3 «Gold-Nuggets» herauszufiltern. Die Quick-Win-Matrix ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Werkzeug dafür.

Matrix

Bewerten Sie nun jede Ihrer Lösungsideen (Fach-übergreifend) anhand von zwei einfachen Achsen auf einer Skala (sinnvolle Skala festlegen) von 1 (niedrig) bis 5 (hoch):

  1. Business Impact (Potenzieller Wert): Wie gross ist der Hebel, wenn wir dieses Problem lösen? (Kostenersparnis, Umsatzsteigerung, Kundenzufriedenheit)

  2. Machbarkeit (Geschätzter Aufwand): Wie einfach ist die Umsetzung? (Datenverfügbarkeit, technische Komplexität, regulatorische Hürden)

Ihr strategisches Ergebnis: Sie haben eine Priorisierung. Sie wissen, welche 2-3 «Gold-Nuggets» Sie als Erstes angehen sollten. Dies sind Ihre Pilotprojekte. Sie haben einen hohen Wert und eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit. Perfekt, um interne Überzeugungsarbeit zu leisten und schnelle Erfolge zu erzielen.

Der erste Spatenstich ist getan

Wenn Sie diesen Prozess durchlaufen haben, haben Sie den wichtigsten Schritt getan: Sie haben das Fundament Ihres «House of AI» auf Fels gebaut, nicht auf Sand. Sie haben den Fokus von der Technologie auf den Business Value gelenkt. Sie haben eine klare, priorisierte und verteidigbare Liste von Anwendungsfällen, die einen echten Schmerz in Ihrem Unternehmen lindern.

Sind Sie bereit, die richtigen Fragen zu stellen?

Wenn Sie bei der Suche nach Ihren «Gold-Nuggets» Unterstützung benötigen, lassen Sie uns sprechen.

Herzlichst

Peter Duliba

Peter.duliba@ki-ms.com

Termin buchen: https://calendly.com/peter-duliba/one-to-one

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